Es gibt Tiere, deren Verschwinden weltweit Schlagzeilen auslösen würde. Elefanten, Tiger, Nashörner oder Wale gehören dazu. Doch viele Arten geraten beinahe unbemerkt an den Rand des Aussterbens. Oft handelt es sich um kleine Tiere, die außerhalb ihrer Heimat kaum jemand kennt. Genau dazu gehört das Eastern Barred Bandicoot, auf Deutsch häufig als Östliches Streifenbandikut bezeichnet.
Das kleine australische Beuteltier sieht mit seiner spitzen Schnauze, den großen Ohren und seinem gedrungenen Körper zunächst unscheinbar aus. Seine Geschichte ist jedoch alles andere als gewöhnlich.
Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwand das Bandikut aus großen Teilen seines ursprünglichen Lebensraums. Eingeschleppte Raubtiere, Veränderungen der Landschaft und der Verlust geeigneter Lebensräume brachten die Festlandpopulation so weit an den Rand des Aussterbens, dass sie schließlich als in der Wildnis ausgestorben galt.
Doch Menschen gaben das Tier nicht auf.
Zuchtprogramme wurden aufgebaut, geschützte Gebiete geschaffen und schließlich wurden Inseln zu wichtigen Rückzugsorten. Aus einer beinahe verlorenen Tierart wurde damit eines der interessantesten Beispiele dafür, was langfristiger Artenschutz erreichen kann.
Ein kleiner Bewohner der australischen Graslandschaften
Das Eastern Barred Bandicoot trägt den wissenschaftlichen Namen Perameles gunnii. Es gehört zu den Beuteltieren und ist damit Teil jener außergewöhnlichen Tierwelt, für die Australien bekannt ist.
Erwachsene Tiere sind ungefähr kaninchengroß. Besonders auffällig sind ihre lange, spitze Schnauze und die hellen Querstreifen im hinteren Bereich des Körpers.
Am Tag bekommt man sie nur selten zu Gesicht.
Bandikuts verbringen einen großen Teil des Tages versteckt in ihren Nestern. Erst wenn es dunkel wird, beginnen sie mit der Nahrungssuche.
Dabei verlassen sie sich stark auf ihren Geruchssinn. Mit ihrer Schnauze suchen sie den Boden ab und graben nach Insekten, Larven, Würmern und anderen kleinen Wirbellosen.
Diese Nahrungssuche erfüllt gleichzeitig eine wichtige ökologische Funktion.
Beim Graben lockern die Tiere den Boden auf und bewegen Erde und organisches Material. Dadurch können Nährstoffe verteilt und Prozesse im Boden beeinflusst werden. Ein kleines Tier kann auf diese Weise einen überraschend großen Einfluss auf seine Umgebung haben.
Doch genau seine Lebensweise machte das Bandikut gegenüber einer neuen Gefahr besonders verletzlich.
Eine Tierwelt, die sich ohne Füchse entwickelt hatte
Australien war über sehr lange Zeit geografisch von anderen Kontinenten isoliert. Dadurch entwickelte sich dort eine Tierwelt, die weltweit einzigartig ist.
Kängurus, Wombats, Koalas und zahlreiche kleinere Beuteltiere entstanden unter Bedingungen, die sich stark von denen Europas oder Asiens unterschieden.
Dann brachte der Mensch neue Tierarten mit.
Besonders verheerend für viele einheimische Arten waren der Rotfuchs und verwilderte Hauskatzen.
Für kleine Säugetiere wurden diese neuen Räuber zu einem gewaltigen Problem.
Das Eastern Barred Bandicoot bewegt sich überwiegend am Boden und wird vor allem nachts aktiv. Genau dort trifft es auf Raubtiere, gegen die seine Vorfahren keine entsprechenden Verteidigungsstrategien entwickeln mussten.
Doch Füchse und Katzen waren nicht das einzige Problem.
Als der Lebensraum immer kleiner wurde
Auch die australische Landschaft veränderte sich.
Graslandschaften wurden landwirtschaftlich genutzt, natürliche Vegetation verschwand und Lebensräume wurden voneinander getrennt.
Für eine Tierart bedeutet Lebensraumverlust nicht ausschließlich, dass weniger Fläche vorhanden ist.
Eine Population kann beispielsweise in mehrere kleine Gruppen zerfallen. Zwischen diesen Gruppen findet anschließend weniger Austausch statt. Gleichzeitig können lokale Ereignisse wie Dürren, Krankheiten oder besonders hoher Räuberdruck eine kleine Population viel schneller auslöschen.
Beim Eastern Barred Bandicoot kamen mehrere dieser Faktoren zusammen.
Noch im frühen 20. Jahrhundert war die Art in Teilen Victorias vergleichsweise verbreitet. Einige Jahrzehnte später sah die Situation vollkommen anders aus.
Immer mehr Populationen verschwanden.
Schließlich blieb auf dem australischen Festland nur noch eine kleine Gruppe in der Umgebung von Hamilton im Bundesstaat Victoria übrig.
Auch sie schrumpfte weiter.
Weniger als 150 Tiere
Ende der 1980er-Jahre wurde deutlich, wie dramatisch die Lage tatsächlich geworden war.
Von der bekannten Festlandpopulation waren weniger als 150 Tiere übrig.
Eine solche Zahl ist für eine wildlebende Population alarmierend.
Je kleiner eine Population wird, desto schwieriger kann ihre Erholung werden. Zufällige Todesfälle haben plötzlich ein viel größeres Gewicht. Gleichzeitig kann die genetische Vielfalt zurückgehen.
Für Naturschützer war deshalb klar, dass Beobachten allein nicht mehr ausreichen würde.
Wenn das Eastern Barred Bandicoot überleben sollte, musste aktiv eingegriffen werden.
Eine der wichtigsten Entscheidungen war der Aufbau eines Zuchtprogramms.
Eine Reserve für den schlimmsten Fall
Tiere aus der verbliebenen Population wurden in menschlicher Obhut vermehrt.
Ein solches Programm hat ein wesentliches Ziel: Es soll verhindern, dass eine Art vollständig verschwindet, selbst wenn ihre letzten wildlebenden Populationen zusammenbrechen.
Gleichzeitig können die Nachkommen später für Wiederansiedlungen genutzt werden.
Genau das war beim Bandikut entscheidend.
Doch bald zeigte sich, dass die Zucht nur die erste Hälfte der Lösung war.
Denn ein Tier erfolgreich zu vermehren bedeutet noch lange nicht, dass es anschließend in seinem früheren Lebensraum wieder dauerhaft überleben kann.
Bandikuts wurden in verschiedenen Gebieten freigelassen.
Einige dieser Versuche scheiterten.
Der Grund war ebenso einfach wie ernüchternd: Solange Füchse und andere invasive Räuber vorhanden waren, standen die Tiere nach ihrer Freilassung erneut vor demselben Problem, das ursprünglich zu ihrem Verschwinden beigetragen hatte.
Die Naturschützer mussten deshalb ihre Strategie verändern.
Nicht nur das Tier musste gerettet werden
Die entscheidende Frage lautete nun nicht mehr:
Wo können wir Bandikuts freilassen?
Sondern:
Wo können Bandikuts langfristig überleben?
Dieser Unterschied veränderte die gesamte Strategie.
Es entstanden große Schutzgebiete, die mit speziellen Zäunen gegen Füchse und andere Raubtiere gesichert wurden.
Innerhalb solcher Reservate konnten Bandikuts leben, Nahrung suchen und sich vermehren, ohne ständig dem enormen Druck invasiver Räuber ausgesetzt zu sein.
Doch solche Anlagen haben einen Nachteil: Sie müssen permanent kontrolliert werden.
Ein beschädigter Zaun kann ausreichen, damit ein Fuchs in ein Schutzgebiet gelangt.
Deshalb suchten Naturschützer zusätzlich nach Orten, an denen die Landschaft selbst einen Teil dieser Schutzfunktion übernehmen konnte.
Und damit kamen die Inseln ins Spiel.
Warum Inseln plötzlich Hoffnung bedeuteten
Eine Insel kann für bedrohte Tierarten zu einer natürlichen Festung werden.
Wasser bildet eine Barriere, die viele eingeschleppte Landraubtiere nicht ohne Weiteres überwinden können.
Wenn eine Insel frei von Füchsen ist und andere invasive Räuber entfernt oder kontrolliert werden, kann dort ein Lebensraum entstehen, der auf dem Festland nur mit großem Aufwand geschaffen werden könnte.
Für das Eastern Barred Bandicoot wurde diese Idee besonders wichtig.
Tiere wurden unter anderem auf Churchill Island, Phillip Island und French Island angesiedelt.
Die Bedingungen dort boten ihnen eine neue Chance.
Statt lediglich einzelne Tiere vor dem Tod zu bewahren, ging es nun darum, Populationen aufzubauen, die sich selbst vermehren konnten.
Das war ein entscheidender Schritt.
Denn echter Artenschutz bedeutet langfristig nicht, möglichst viele Tiere dauerhaft in Zoos zu halten.
Das Ziel besteht darin, stabile Populationen in geeigneten Lebensräumen zu ermöglichen.
Eine Insel wird zur biologischen Versicherung
Der Wert solcher Inselpopulationen geht weit über die Zahl der dort lebenden Tiere hinaus.
Stellen wir uns vor, die gesamte verbliebene Population einer bedrohten Art lebt an einem einzigen Standort.
Eine Krankheit, ein Buschfeuer, eine extreme Dürre oder das Eindringen eines neuen Räubers könnte dann katastrophale Folgen haben.
Existieren dagegen mehrere voneinander getrennte Populationen, verteilt sich das Risiko.
Genau deshalb sind verschiedene sichere Standorte für den langfristigen Schutz so wichtig.
Die australischen Inseln wurden dadurch zu einer Art biologischer Versicherung.
Sie ermöglichten Populationen außerhalb von Zoos und boten gleichzeitig einen gewissen Schutz vor den Gefahren, die auf dem Festland zum ursprünglichen Zusammenbruch beigetragen hatten.
Das Ergebnis war bemerkenswert.
Von „in der Wildnis ausgestorben“ zurück
Im Jahr 2013 wurde die Festlandform des Eastern Barred Bandicoot als „Extinct in the Wild“, also in der Wildnis ausgestorben, eingestuft.
Das klingt zunächst endgültig.
Doch in diesem Fall war es das nicht.
Die Tiere existierten weiterhin in Zuchtprogrammen und in gezielt aufgebauten Populationen. Naturschützer arbeiteten weiter daran, neue sichere Bestände zu etablieren.
Jahre später geschah etwas Außergewöhnliches.
Aufgrund der Fortschritte konnte der Gefährdungsstatus verbessert werden. Das Tier wurde von „Extinct in the Wild“ auf „Endangered“ – gefährdet zurückgestuft.
Das Eastern Barred Bandicoot war damit nicht plötzlich außer Gefahr.
Doch der Schritt hatte eine enorme symbolische Bedeutung.
Eine Tierart war praktisch aus der freien Natur verschwunden – und Menschen hatten es geschafft, wieder mehrere Populationen aufzubauen.
Warum die Geschichte trotzdem noch kein Happy End ist
Bei erfolgreichen Artenschutzprojekten entsteht schnell der Eindruck, die Arbeit sei abgeschlossen.
Beim Bandikut wäre diese Schlussfolgerung gefährlich.
Viele der heutigen Populationen existieren nur deshalb, weil ihre Lebensräume aktiv geschützt werden.
Fuchsfreie Gebiete müssen fuchsfrei bleiben.
Schutzzäune müssen kontrolliert werden.
Inseln müssen vor der Einschleppung invasiver Arten geschützt werden.
Die Populationen müssen wissenschaftlich beobachtet werden, damit Veränderungen früh erkannt werden können.
Auch die genetische Vielfalt spielt eine wichtige Rolle.
Wenn eine Population aus sehr wenigen Tieren aufgebaut wird und lange isoliert bleibt, kann genetische Vielfalt verloren gehen. Deshalb müssen Naturschützer nicht nur zählen, wie viele Bandikuts existieren, sondern auch darauf achten, wie gesund und genetisch vielfältig die verschiedenen Populationen sind.
Artenschutz ist deshalb kein einzelner erfolgreicher Moment.
Er ist ein langfristiger Prozess.
Eine ungewöhnliche Idee: Hunde als Beschützer
Die Rettung des Bandikuts führte sogar zu ungewöhnlichen Experimenten.
In Australien wurde untersucht, ob große Herdenschutzhunde bedrohte Wildtiere vor Räubern schützen könnten.
Dabei kamen sogenannte Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde zum Einsatz.
Diese Hunde werden traditionell verwendet, um Herden gegen Angreifer zu verteidigen. In Australien hatten sie bereits Aufmerksamkeit erregt, weil sie zum Schutz kleiner Pinguine eingesetzt wurden.
Die Idee, ähnliche Methoden auch für Bandikuts zu testen, zeigt, wie kreativ moderner Artenschutz manchmal sein muss.
Nicht jede Methode funktioniert überall.
Doch bei Arten, die kurz vor dem Verschwinden stehen, können neue Ansätze entscheidend sein.
Was dieses kleine Tier über Artenschutz verrät
Die Geschichte des Eastern Barred Bandicoot zeigt besonders deutlich, dass Arten selten aus nur einem einzigen Grund verschwinden.
Beim Bandikut wirkten mehrere Faktoren gleichzeitig.
Lebensraum ging verloren.
Die Landschaft wurde verändert.
Neue Raubtiere kamen hinzu.
Populationen wurden kleiner und stärker voneinander isoliert.
Deshalb bestand auch die Lösung nicht aus einer einzigen Maßnahme.
Zuchtprogramme allein hätten nicht gereicht.
Inseln allein hätten ebenfalls nicht gereicht.
Auch Zäune oder die Kontrolle invasiver Arten wären für sich genommen keine vollständige Lösung gewesen.
Erst die Kombination verschiedener Maßnahmen eröffnete eine realistische Chance.
Das ist vielleicht die wichtigste Lektion dieser Geschichte.
Kleine Tiere können eine große Bedeutung haben
Beim Thema Artenschutz denken viele Menschen zuerst an große und bekannte Tiere.
Doch Ökosysteme bestehen nicht nur aus ihren auffälligsten Bewohnern.
Auch kleine Säugetiere beeinflussen Böden, Vegetation, Insektenpopulationen und Nahrungsketten.
Das Eastern Barred Bandicoot verbringt seine Nächte damit, im Boden nach Nahrung zu suchen. Dabei bewegt und lockert es Erde.
Was für das Tier lediglich Nahrungssuche ist, wird dadurch gleichzeitig zu einem kleinen ökologischen Prozess.
Verschwindet eine Art, verschwindet deshalb möglicherweise mehr als nur ein Name aus einem Tierlexikon.
Ein Teil der Beziehungen innerhalb eines Ökosystems geht ebenfalls verloren.
Eine zweite Chance mitten im Meer
Heute steht das Eastern Barred Bandicoot weiterhin vor Herausforderungen.
Doch seine Situation unterscheidet sich grundlegend von jener vor einigen Jahrzehnten.
Damals schien das endgültige Verschwinden der Festlandform nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
Heute existieren wieder mehrere geschützte Populationen.
Einige davon leben auf Inseln, andere in speziell gesicherten Gebieten auf dem Festland.
Dass es überhaupt so weit gekommen ist, war keineswegs selbstverständlich.
Es brauchte Jahrzehnte Arbeit, wissenschaftliche Forschung, Zuchtprogramme, gesicherte Lebensräume und Menschen, die eine kleine, außerhalb Australiens kaum bekannte Tierart nicht aufgegeben haben.
Vielleicht macht gerade das die Geschichte so bemerkenswert.
Das Eastern Barred Bandicoot wurde nicht durch eine einzige spektakuläre Rettungsaktion vor dem Aussterben bewahrt.
Seine Rückkehr entstand aus Hunderten kleiner Entscheidungen über viele Jahre hinweg.
Tiere wurden gezüchtet.
Lebensräume wurden vorbereitet.
Fehler wurden analysiert.
Gescheiterte Auswilderungen führten zu neuen Strategien.
Inseln wurden zu Rückzugsorten.
Und langsam entstand aus einer fast verlorenen Population wieder Hoffnung.
Die Geschichte ist noch nicht beendet.
Aber sie zeigt, dass „fast ausgestorben“ nicht immer „für immer verloren“ bedeuten muss.
Manchmal braucht eine Tierart vor allem Zeit, Schutz und einen Ort, an dem sie wieder Fuß fassen kann.
Für das Eastern Barred Bandicoot wurden einige kleine australische Inseln genau zu diesem Ort.