Sie reiste nicht in die Arktis, weil sie berühmt werden wollte. Sie träumte nicht davon, unbekannte Gebiete zu erobern, und sie war auch keine erfahrene Abenteurerin. Ada Blackjack nahm an einer gefährlichen Expedition teil, weil sie Geld brauchte.

Was danach geschah, machte sie zu einer der außergewöhnlichsten Überlebenden der arktischen Geschichte.

Als Ada 1921 die abgelegene Wrangelinsel erreichte, war sie eine junge Iñupiat-Frau aus Alaska, die vor allem als Näherin und Köchin gebraucht wurde. Weniger als zwei Jahre später war sie die einzige Überlebende einer Expedition, die auf dramatische Weise gescheitert war.

Und plötzlich musste eine Frau, die sich selbst kaum als Jägerin betrachtete, allein in einer Welt aus Eis, Hunger und völliger Isolation überleben.

Eine Mutter, die Geld für ihren Sohn brauchte

Ada wurde 1898 in Alaska geboren und wuchs in einer Zeit auf, in der das Leben für viele indigene Familien von Armut und schwierigen Lebensbedingungen geprägt war.

Sie heiratete jung und bekam Kinder, doch ihr Familienleben war von schweren Verlusten überschattet. Mehrere ihrer Kinder starben früh. Nach dem Ende ihrer Ehe stand Ada schließlich weitgehend allein da.

Besonders wichtig war ihr Sohn Bennett, dessen Gesundheit Probleme bereitete. Ada verfügte jedoch kaum über die finanziellen Möglichkeiten, ihm die Versorgung zu ermöglichen, die sie sich für ihn wünschte.

Als sich 1921 die Gelegenheit bot, mit einer Expedition zur Wrangelinsel Geld zu verdienen, sagte sie deshalb zu.

Es war keine romantische Entscheidung.

Es war die Entscheidung einer Mutter.

Ada sollte nähen, Kleidung reparieren und andere Arbeiten im Lager übernehmen. Ihre Kenntnisse im Umgang mit Fellen und warmer Kleidung waren in der Arktis äußerst wertvoll.

Von ihr wurde jedoch ursprünglich nicht erwartet, dass sie eines Tages allein jagen und für ihr eigenes Überleben sorgen müsste.

Fünf Menschen auf einer einsamen Insel

Im September 1921 erreichte die Gruppe Wrangel Island.

Neben Ada gehörten vier Männer zur Expedition: Allan Crawford, Fred Maurer, Milton Galle und Lorne Knight.

Die Unternehmung war mit den Plänen des Polarforschers Vilhjalmur Stefansson verbunden. Die Gruppe sollte auf der Insel leben und einen Anspruch auf das Gebiet im Namen Großbritanniens beziehungsweise Kanadas untermauern.

Schon dieses Vorhaben war politisch umstritten.

Doch für Ada spielten solche geopolitischen Vorstellungen kaum eine Rolle. Sie war dort, weil sie bezahlt wurde.

Anfangs war die Situation schwierig, aber beherrschbar. Die Gruppe verfügte über Vorräte und konnte zusätzlich jagen.

Das eigentliche Problem entstand, als die erwartete Versorgung ausblieb.

Im Sommer 1922 sollte ein Schiff die Expedition erreichen.

Doch wegen der schwierigen Eisbedingungen gelang es nicht, zur Insel durchzukommen.

Plötzlich mussten die fünf Menschen einen weiteren arktischen Winter überstehen.

Und die Vorräte wurden immer knapper.

Hunger verändert alles

Je länger die Isolation dauerte, desto gefährlicher wurde die Lage.

Die Expedition war darauf angewiesen, durch Jagd zusätzliche Nahrung zu beschaffen. Doch in der Arktis gibt es keine Garantie, dass ein Jäger tatsächlich mit Beute zurückkehrt.

Gleichzeitig wurde Lorne Knight schwer krank. Er litt vermutlich an Skorbut, einer Krankheit, die durch einen schweren Vitamin-C-Mangel entsteht und damals bei schlecht versorgten Expeditionen eine reale Gefahr darstellte.

Im Januar 1923 trafen die übrigen drei Männer eine verzweifelte Entscheidung.

Crawford, Maurer und Galle wollten die Insel verlassen und über das Eis Richtung Sibirien gelangen, um Hilfe zu holen.

Sie nahmen Ausrüstung und Proviant mit und verschwanden in der weißen Weite.

Ada sah sie nie wieder.

Was genau mit ihnen geschah, konnte nie abschließend geklärt werden. Ihre Körper wurden nicht gefunden.

Auf der Insel blieben nur noch Ada und der schwer kranke Knight zurück.

Und eine Katze namens Vic.

Ada wurde zur Pflegerin, Jägerin und Überlebenden

Knights Zustand verschlechterte sich zunehmend.

Ada musste nun praktisch alles übernehmen.

Sie kümmerte sich um den Kranken, bereitete Nahrung zu, hielt das Lager instand und versuchte gleichzeitig, genügend Lebensmittel zu beschaffen.

Die Beziehung zwischen den beiden war dabei keineswegs immer harmonisch. Knights Tagebuch zeigt, dass er zeitweise frustriert und kritisch gegenüber Ada war.

Doch seine Krankheit machte ihn immer abhängiger von ihr.

Ada wiederum stand unter enormem Druck.

Sie musste Fähigkeiten entwickeln, die vorher nicht zu ihren eigentlichen Aufgaben gehört hatten.

Sie lernte besser mit dem Gewehr umzugehen.

Sie stellte Fallen.

Sie jagte Vögel.

Sie versuchte Füchse und anderes verfügbares Wild zu erbeuten.

Dabei musste sie immer wieder das Lager verlassen – obwohl Knight kaum noch allein zurechtkam.

Schließlich baute Ada sogar eine Vorrichtung, mit der Knight sich selbst versorgen konnte, während sie unterwegs war.

Es war kein heroischer Überlebenskampf wie aus einem Abenteuerfilm.

Es war monoton, kalt und erschöpfend.

Jeder Fehler konnte bedeuten, dass am nächsten Tag nichts zu essen da war.

Dann starb auch Knight

Am 23. Juni 1923 starb Lorne Knight.

Ada war nun tatsächlich allein.

Hunderte Kilometer entfernt gab es keine Stadt, keinen Arzt und keine Möglichkeit, jemanden anzurufen.

Sie wusste nicht, wann ein Schiff kommen würde.

Sie wusste nicht einmal mit Sicherheit, ob eines kommen würde.

Ada befand sich auf einer riesigen arktischen Insel – nur mit Vic als Gesellschaft.

Nach Knights Tod konnte sie seinen Körper nicht einfach begraben. Der gefrorene Boden machte das nahezu unmöglich.

Deshalb errichtete sie eine Barrikade um den Leichnam, um ihn vor Tieren zu schützen.

Dann setzte sie ihren Alltag fort.

Denn in einer solchen Situation bedeutete Stillstand Lebensgefahr.

Sie lernte, allein zu funktionieren

Gerade dieser Teil ihrer Geschichte macht Ada Blackjack so außergewöhnlich.

Sie verwandelte sich nicht plötzlich in eine furchtlose Heldin.

Sie hatte Angst.

Aber sie arbeitete trotzdem weiter.

Sie verbesserte ihre Fallen, beschaffte Nahrung und kümmerte sich um die Ausrüstung. Sie fertigte Kleidung an und sorgte dafür, dass ihr Lager funktionierte.

Besonders bemerkenswert ist, dass sie auch lernte, die Kamera der Expedition zu benutzen.

So entstanden Aufnahmen aus jener Zeit, in der sie praktisch allein auf der Insel lebte.

Die Kamera hatte noch einen weiteren ungewöhnlichen Zweck: Ada experimentierte damit, sich selbst zu fotografieren.

Diese Bilder gehören heute zu den eindrucksvollsten Zeugnissen ihrer Geschichte.

Während draußen eine Landschaft lag, in der ein Mensch innerhalb kurzer Zeit erfrieren konnte, entwickelte Ada ihre eigene Routine.

Genau diese Routine dürfte entscheidend gewesen sein.

Nicht ein einzelner spektakulärer Moment rettete ihr Leben.

Es waren viele kleine Entscheidungen.

Feuer machen.

Nahrung beschaffen.

Fallen kontrollieren.

Ausrüstung reparieren.

Warm bleiben.

Und am nächsten Morgen wieder aufstehen.

Ein Schiff am Horizont

Der Sommer 1923 kam.

Ada wartete weiter.

Dann geschah am 19. August etwas, worauf sie monatelang gehofft hatte.

Ein Schiff erreichte die Insel.

Die Donaldson war gekommen, um die Expedition zu erreichen.

Doch von der ursprünglichen Gruppe war nur noch Ada am Leben.

Die Männer an Bord fanden keine hilflose Frau vor, die unmittelbar vor dem Tod stand.

Ada hatte sich erstaunlich gut an ihre Situation angepasst.

Nach fast zwei Jahren auf Wrangel Island konnte sie endlich nach Alaska zurückkehren.

Von den fünf Expeditionsteilnehmern, die 1921 auf der Insel angekommen waren, hatte nur sie überlebt.

Berühmt – obwohl sie keinen Ruhm wollte

Nach ihrer Rettung verbreitete sich Adas Geschichte schnell.

Zeitungen machten aus ihr eine Sensation. Sie wurde mit Robinson Crusoe verglichen und als außergewöhnliche Heldin dargestellt.

Doch Ada selbst suchte diesen Ruhm nicht.

Für sie gab es etwas Wichtigeres.

Ihr Sohn.

Das Geld, das sie durch ihre Geschichte und ihre Arbeit erhielt, half ihr schließlich dabei, sich wieder um Bennett zu kümmern. Später bekam sie auch einen weiteren Sohn.

Ihr weiteres Leben war keineswegs luxuriös. Obwohl ihre Geschichte bekannt wurde, bedeutete Berühmtheit für Ada nicht automatisch finanziellen Wohlstand.

Sie lebte viele Jahrzehnte weiter und starb 1983 im Alter von 85 Jahren.

Eine Geschichte, die bis heute beeindruckt

Mehr als ein Jahrhundert später wirkt Ada Blackjacks Geschichte noch immer unglaublich.

Nicht weil sie ohne Angst gewesen wäre.

Sondern gerade weil sie es nicht war.

Sie begann die Expedition nicht als Polarforscherin. Sie wollte keine Rekorde brechen. Sie verfügte nicht über die Erfahrung, die man normalerweise mit legendären Arktis-Abenteurern verbindet.

Sie war eine junge Mutter, die eine bezahlte Arbeit angenommen hatte.

Dann verschwand die Versorgung.

Drei Männer gingen fort und kehrten nie zurück.

Der letzte Mann bei ihr starb.

Und Ada musste lernen, allein weiterzumachen.

Sie tat es.

Monatelang.

Mit einer Katze als einzigem lebenden Gefährten und der Hoffnung, irgendwann wieder nach Hause zu kommen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft ihrer Geschichte.

Ada Blackjack ging als Näherin auf eine arktische Insel – und kehrte als einzige Überlebende einer gescheiterten Expedition zurück.

Von Pingi

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