Shanghai, Peking, Guangzhou, Shenzhen oder Chongqing – wer sich die Einwohnerzahlen chinesischer Städte anschaut, bekommt schnell ein Gefühl dafür, wie gewaltig die Dimensionen des Landes sind. Mehrere chinesische Metropolen zählen heute weit über zehn Millionen Einwohner. Doch diese Entwicklung ist keineswegs nur das Ergebnis einer großen Gesamtbevölkerung. Dahinter steckt eine der schnellsten Urbanisierungsphasen der modernen Geschichte.

Vor wenigen Jahrzehnten sah China noch völlig anders aus

Das Erstaunliche ist, wie schnell sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land verändert hat. Noch 1978 lebten weniger als 20 Prozent der chinesischen Bevölkerung in Städten. 2012 waren es bereits rund 52 Prozent. Innerhalb von etwas mehr als drei Jahrzehnten wuchs Chinas Stadtbevölkerung damit um mehr als 500 Millionen Menschen.

Das entspricht ungefähr der Bevölkerung mehrerer großer europäischer Länder zusammen.

Ein entscheidender Wendepunkt waren die wirtschaftlichen Reformen ab Ende der 1970er-Jahre. China öffnete seine Wirtschaft schrittweise, Fabriken entstanden, ausländische Unternehmen investierten und besonders die Küstenregionen entwickelten sich zu gewaltigen Industriezentren.

Damit entstanden Millionen neuer Arbeitsplätze – und diese befanden sich vor allem in den Städten.

Millionen Menschen verließen das Land

Über Generationen lebten sehr viele Chinesen in ländlichen Regionen und arbeiteten hauptsächlich in der Landwirtschaft. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg änderte sich das.

Menschen zogen dorthin, wo Fabriken, Baustellen, Häfen und später auch Büros und Dienstleistungsunternehmen Arbeitskräfte benötigten.

Die Weltbank beschreibt diese massive Wanderung vom Land in die Städte als einen wesentlichen Bestandteil der wirtschaftlichen Transformation Chinas. Gleichzeitig wechselten Millionen Menschen aus der Landwirtschaft in Industrie und Dienstleistungen.

Das erklärt auch, warum manche Städte innerhalb weniger Jahrzehnte regelrecht explodierten.

Shenzhen ist eines der extremsten Beispiele

Kaum eine Stadt symbolisiert diese Entwicklung so stark wie Shenzhen.

Die Region wurde ab 1980 als eine der ersten Sonderwirtschaftszonen Chinas gezielt wirtschaftlich entwickelt. Ihre Lage direkt neben Hongkong machte sie besonders attraktiv für Investitionen, Produktion und internationalen Handel.

Aus einem vergleichsweise kleinen Ort entwickelte sich eine riesige Wirtschaftsmetropole mit Millionen Einwohnern, Hochhäusern, Technologieunternehmen und moderner Infrastruktur.

Ähnliche Entwicklungen fanden – wenn auch in unterschiedlichem Tempo – in vielen anderen Teilen Chinas statt.

Ganze Regionen wuchsen praktisch zusammen

Besonders beeindruckend ist das Perlflussdelta im Süden Chinas. Hier liegen unter anderem Guangzhou, Shenzhen, Dongguan und Foshan.

Die Städte wuchsen so stark, dass ihre bebauten Gebiete zunehmend miteinander verbunden wurden. Eine Untersuchung der Weltbank kam bereits vor Jahren zu dem Ergebnis, dass das Perlflussdelta als zusammenhängendes urbanes Gebiet Tokio bei der Einwohnerzahl überholt hatte.

Man fährt dort teilweise von einer Millionenstadt in die nächste, ohne den Eindruck zu haben, eine riesige urbane Region wirklich verlassen zu haben.

China hatte dafür schlicht eine enorme Bevölkerungsbasis

Ein weiterer Faktor darf nicht vergessen werden: China besitzt rund 1,4 Milliarden Einwohner.

Wenn in einem Land dieser Größe innerhalb weniger Jahrzehnte Hunderte Millionen Menschen stärker in die Städte ziehen, entstehen zwangsläufig Metropolen in Dimensionen, die für europäische Verhältnisse ungewöhnlich erscheinen.

Deutschland hat beispielsweise rund 84 Millionen Einwohner. China besitzt also genügend Bevölkerung, um theoretisch zahlreiche Städte mit jeweils zehn oder zwanzig Millionen Menschen zu füllen – und trotzdem weiterhin Hunderte Millionen Menschen außerhalb dieser Metropolen zu haben.

Nicht jeder neue Stadtbewohner ist tatsächlich umgezogen

Interessant ist außerdem, dass Urbanisierung nicht ausschließlich Migration bedeutet.

Chinesische Städte haben sich geografisch stark ausgedehnt. Dörfer und ländliche Gebiete am Stadtrand wurden teilweise in wachsende Stadtgebiete integriert und anschließend statistisch als urban betrachtet.

Nach einer Weltbankanalyse entstand ein erheblicher Teil des Wachstums der urbanen Bevölkerung sowohl durch tatsächliche Migration als auch dadurch, dass expandierende Städte zuvor ländliche Gebiete einschlossen.

Deshalb muss man bei chinesischen Einwohnerzahlen genau hinschauen.

Der Begriff „Stadt“ kann nämlich eine riesige Verwaltungsfläche bezeichnen, die neben einem dicht bebauten Zentrum auch Vororte und teilweise ländlich geprägte Gebiete umfasst. Internationale Vergleiche sind daher nicht immer eins zu eins möglich.

Vom Agrarland zur urbanen Wirtschaftsmacht

Das Wachstum chinesischer Städte ist letztlich das Ergebnis mehrerer Entwicklungen gleichzeitig: einer riesigen Bevölkerung, wirtschaftlicher Reformen, Industrialisierung, gewaltiger Binnenmigration, neuer Arbeitsplätze und einer enormen Ausweitung urbaner Gebiete.

Innerhalb einer einzigen Generation wurden Orte, die früher wesentlich kleiner waren, zu internationalen Wirtschaftsmetropolen.

Und genau deshalb wirken Chinas Großstädte heute so außergewöhnlich: Es geht nicht nur darum, wie viele Menschen dort leben, sondern vor allem darum, wie schnell sich diese Dimensionen entwickelt haben.

Die heutigen Megastädte sind damit auch sichtbare Zeugen einer gewaltigen gesellschaftlichen Veränderung – des Übergangs eines großen Teils der chinesischen Bevölkerung vom ländlichen Leben in eine zunehmend urbane Welt.

Von Pingi

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